Unter Lilienbanner und Trikolore

Unter Franz I. begann im 16. Jahrhundert der Aufbau des ersten französischen Kolonialreiches. In einer Zeit der Seefahrer, Entdecker und Waldläufer, die auf der Suche nach dem sagenumwobenen Eldorado waren, zeigte sich der französische König nicht bereit, die päpstlich sanktionierte Vorherrschaft Portugals und Spaniens auf den Meeren und in der Neuen Welt widerspruchslos hinzunehmen. Den Entdeckungsfahrten und der formellen Inbesitznahme nordamerikanischer Gebiete folgte - nunmehr in permanenter Rivalität zu England - vor allem unter Ludwig XIV. die Festigung und Ausdehnung des kolonialen Besitzes nicht nur auf diesem Subkontinent. Doch so wie der Absolutismus in Frankreich, dessen territorialer und merkantiler Potenz die erworbenen Kolonien hatten dienen sollen, zerfiel auch das unter dem Lilienbanner entstandene Empire am Ende des 18. Jahrhunderts innerhalb kurzer Zeit.

Die koloniale Offensive des 19. Jahrhunderts, die in die Entstehung des zweiten französischen Kolonialreiches mündete, folgte veränderten wirtschaftlichen und politischen Leitlinien. Während Indochina und vor allem Afrika in das Zentrum des kolonialen Interesses rückten, prägte der imperiale Wettlauf um Rohstoffe und strategische Positionen auch die französische Kolonialpolitik. In der Resultante der vor allem von der Dritten Französischen Republik forcierten Bestrebungen um die Erweiterung des kolonialen Besitzes verfügte Frankreich am Vorabend des Ersten Weltkrieges über das zweitgrößte koloniale Imperium. Die prägenden assimilatorischen und zentralistischen Tendenzen französischer Kolonialpolitik behielten nach diesem Krieg auch in dem erweiterten Empire unveränderte Gültigkeit. Wie bereits das erste französische Kolonialreich, so zerfiel auch das unter der Trikolore vereinte in kurzer Zeit. Die Versuche der Vierten Französischen Republik, den Unabhängigkeitsbestrebungen in Vietnam und Algerien Einhalt zu gebieten, blieben letztlich erfolglos und stürzten Frankreich selbst in eine tiefe politische Krise. Deren Lösung, die zur Etablierung der Fünften Republik und zur Rückkehr General de Gaulles an die politische Macht führten, schloss in letzter Konsequenz auch die Unabhängigkeit der französischen Kolonien ein.

Sowohl in den ehemaligen Teilen des Empire als auch im Hexagon selbst hat die über Jahrhunderte betriebene koloniale Politik Spuren hinterlassen. Nicht immer sind diese offensichtlich, beeinflussen jedoch auch noch heute wirtschaftliche und politische Entscheidungen und wirken prägend auf kulturelle Traditionen und nationale Mentalitäten.

Mit der vorliegenden kurzen Darstellung vom Werden und Vergehen des französischen Kolonialismus erhoffen die Autoren einen Beitrag zum besseren Verständnis eines wichtigen Bereiches der französischen Geschichte zu leisten. Dem gleichen Zweck dienen die den einzelnen Kapiteln zugeordneten Dokumente in deutscher und französischer Sprache, das Kartenmaterial, die Chronologie, die ausgewählten Personendaten sowie die Auswahlbibliographie.

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