"Von hier und heute..."
Scheidewege französischer Zeitgeschichte

 

Neue Epochen, nicht immer der Welt-, wohl aber der neueren französischen Geschichte haben die Autoren des vorliegenden Bandes in den Focus ihrer Betrachtung gestellt. Das zeitliche Spektrum der epochalen Umbrüche umfasst dabei nahezu 100 Jahre. Es beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert mit einem Kaiserreich, dessen wenig rühmliches Ende der dauerhaften Verankerung der Demokratie in Frankreich den Weg ebnete, und es reicht bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Explosion einer Atombombe in der algerischen Sahara den französischen Anspruch auf eine Führungsrolle in der Weltpolitik demonstrieren sollte.
Geografisch öffnet sich dem Betrachter dieses Zeitraumes der französischen Geschichte gleichsam der Blick in die Welt. An den Ufern des Weißen Nil fallen strategische Entscheidungen, welche die Geschicke des europäischen und des afrikanischen Kontinentes nachhaltig beeinflussen. Mit dem Schicksal eines Offiziers auf einer kleinen Insel vor der südamerikanischen Küste verbindet sich das Wohl und Wehe der Demokratie im Hexagon. Im Dschungel des vietnamesisch-laotischen Grenzgebietes wird die Grande nation gezwungen, jene Ideale von Freiheit und nationaler Selbstbestimmung zu akzeptieren, die sie mit ihrer Revolution begonnen hatte, in die Welt zu tragen. Und stets aufs Neue kulminiert das Geschehen im Gefüge der damals wenig nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Franzosen und Deutschen - Verdun, Versailles, Vichy.
Bei aller räumlichen und zeitlichen Divergenz der Ereignisse ist ihnen nach Auffassung der Autoren eine Reihe von Faktoren gemeinsam. Sie erschüttern Bestehendes oder bringen dessen Ende. Sie sind Zeitpunkt und Zeitraum zugleich. Sie beschleunigen politische Wandlungsprozesse und prägen – ohne dass dies den Akteuren stets deutlich wird – auf lange Sicht die weitere Entwicklung Frankreichs. Mit der Tiefe, Dauer und der Weite ihrer Wirkung sind sie im wörtlichen Sinne epochal. Die Konkretheit von Raum und Zeit, in der sich historische Prozesse immer vollziehen, hat dabei auch zur Folge, dass bis dato unbekannte Orte zu geschichtlichen Synonymen werden.
Es ist das Anliegen der Autoren, ausgewählte Verbindungen von Raum und Epoche der jüngeren französischen Geschichte näher zu beleuchten. Eine Vollständigkeit wurde weder angestrebt, noch scheint sie erreichbar. Gleichwohl sollten Ereignisse ausgewählt werden, die über alles Gesagte hinaus, das Interesse für die französische Geschichte wecken und zum Nachdenken ebenso anregen, wie sie zum Meinungsstreit herausfordern.
Um dem geneigten Leser den Überblick zu erleichtern, ist der Mehrzahl der elf Kapitel eine kurze Chronologie angefügt. Der möglichen Vertiefung des Gelesenen und dem wissenschaftlichen Meinungsstreit sollen die Bibliographien zu den einzelnen Kapiteln dienen.

 

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